Sainer New Media

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Webfontday 2011

Am 19.11.2011 fand bei der Ty­po­gra­phi­schen Ge­sell­schaft in Mün­chen der zweite Web­fontday statt. Nach der ersten Ver­an­stal­tung 2010 gab es in diesem Jahr ein Up­date auf den ak­tu­ellen Stand bei der Ent­wick­lung der Web­ty­po­grafie.

Web­fonts for Be­gin­ners.

Eine schöne Zu­sam­men­fas­sung des Status Quo von Ralf Herr­mann (ty­po­grafie.info) machte den An­fang. Für Neu­linge, die 2010 nicht dabei waren, wurden hier die wich­tigsten Grund­lagen noch einmal zu­sam­men­ge­fasst. Aber auch für Web­fontday-Ve­te­ranen gab es ei­nige in­ter­essante Up­dates, be­son­ders im Be­reich der Mi­kro­ty­po­grafie.

So ge­hört viel­leicht „­“ bald der Ver­gan­gen­heit an. Seit Fi­refox 6 und Sa­fari 5.3 wird näm­lich die CSS3-Ei­gen­schaft „hy­phens“ un­ter­stützt. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis das flä­chen- und spra­chen­de­ckend im­ple­men­tiert ist. Später kommen dann noch „hy­phe­nate-cha­rac­ter“, „hy­phe­nate-limit-zone“, „hy­phe­nate-limit-word“, „hy­phe­nate-limit-li­nes“ und „hy­phe­nate-limit-last“ hinzu.

Bei Open-Type-Fea­tures, wie bei­spiels­weise Ker­ning und Li­ga­turen, hakt es der­zeit noch, es gibt hierfür aber be­reits pro­prie­täre Ei­gen­schaften in Fi­refox und Chrome: mit „-moz-font-fea­ture-set­tings“ bzw. „-webkit-font-fea­ture-set­tings“ lassen sich auch jetzt schon er­wei­terte ty­po­gra­fi­sche Fea­tures ak­ti­vieren.

Gegen Turn­schläppli, Word und Slides.

Was kann dieser Mann nicht alles? Zür­cher/To­kyoter, Phi­lo­soph/De­si­gner, und jetzt auch noch eine Prise Ka­ba­rett: Oliver Rei­chen­stein (in­for­ma­tion­ar­chi­tects.jp) zeigte ein­drucks­voll, dass es auch ohne PPT/Keynote geht und trug sein ge­stal­te­ri­sches Welt­bild sou­verän und ganz ohne Be­amer vor. Beim Web­fontday po­le­mi­sierte er über De­si­gner-Kli­schees und lie­ferte ei­nige blitz­scharfe Thesen und Den­k­an­stöße:

Men­gen­text sollte min­des­tens 16px groß sein, da die Dis­plays immer hö­here Auf­lö­sung haben. Und wenn ein Text einen Sinn hat, ver­trägt er auch etwas mehr Größe. Dazu bitte auch noch einen or­dent­li­chen Zei­len­ab­stand („... weil man vom Dis­play an­ge­leuchtet wird ...“). Ach ja, und der Worst Case beim iPad ist die Le­s­e­po­si­tion auf den Knien.

Alles Dinge, auf die man auch durch reines Nach­denken kommt. Aber @iA sagt es ein­fach char­manter.

Aus­serdem hat er uns ja noch den iA Writer ge­geben: Der Tex­te­ditor (für MacOS und iPad) be­schränkt wirk­lich sich auf die we­sent­li­chen Funk­tionen. Also keine For­mate, keine Sym­bol­leiste. Nicht fum­meln, son­dern schreiben. Aus reiner Neu­gier habe ich diesen Ar­tikel auf dem iA Writer ver­fasst. Nur Text. Sonst nichts. Bin be­geis­tert!

Ein Jahr da­nach.

Der Schrif­ten­ent­wickler Tim Ah­rens (ju­sta­no­ther­foundry.com) zeigte uns, was sich in den letzten 12 Mo­naten bei den Schrift­for­maten getan hat. SVG ist in­zwi­schen quasi nicht mehr not­wendig, immer mehr ak­tu­elle Browser un­ter­stützen WOFF. Da­durch wird auch das Selbst-Hos­ting von Web­fonts immer at­trak­tiver. Die Hos­ting-Frage wird aber letzt­lich von den Nut­zern und den Foun­dries ent­schieden werden.

In­ter­essant ist hierbei, dass sich die An­zahl so­wohl der Web­font-Ser­vices (< 10) als auch der Foun­dries, die Web­font-Hos­ting an­bieten (< 10) sich in den ver­gan­genen 12 Mo­naten nicht nen­nens­wert ver­än­dert haben. Das Ser­vice-Mo­dell hat für Schrif­tenan­bieter genau einen wirk­li­chen Vor­teil: Die il­le­gale Nut­zung von Schriften wird kon­trol­lierbar.

Post­Script-Fonts werden in großen Graden besser ge­ren­dert als True­Type-Fonts, bei kleinen Schriften ist es genau um­ge­kehrt. Das war zwar be­reits vor einem Jahr so. Tim Ah­rens möchte jetzt aber seinen Ein­fluss bei Typekit gel­tend ma­chen, um hier au­to­ma­tisch eine stets op­ti­male Ver­sor­gung mit TT oder PS zu im­ple­men­tieren.

Die Qual der Wahl.

Nach Pra­xis­be­richten aus dem Web­fonts-Alltag von Helmut Ness, Mar­tina Gra­bovszky und An­reas Henkel re­fe­rierte Dan Rha­tigam (mo­no­type­fonts.com) über Schrif­ten­aus­wahl und -an­wen­dung. Ein Kern­satz lau­tete dabei: „Most fonts were de­si­gned for other pur­poses.“

Trotz per­fekten Hin­tings können Schriften auf­grund sub­tiler Schrägen (be­son­ders ho­ri­zontal, da es hier kein Sub­pixel-Ren­de­ring gibt) und ge­ringer Of­fen­heit am Bild­schirm un­ge­eignet sein.
Neben ei­nigen Bin­sen­weis­heiten wie Farben/Kon­trast und der Eig­nung der ge­samten Schrift­fa­milie kam Rha­tigam aber eben­falls zu dem Schluss: „Be ge­nerous.“ Also eher große Schrift­grade im Men­gen­text ver­wenden!

Was nicht passt, wird pas­send ge­macht.

Adam Twar­doch (twar­doch.net) be­rich­tete von seinem haar­sträu­benden Aben­teuer, fremde Gly­phen auf dem Umweg über Sub­set­ting und CSS-Font-Stack in eine CSS-Font-Fa­mily ein­zu­schmug­geln. Der Nutzen dieser Akro­batik ist mir seitdem ver­schlossen ge­blieben, es war aber sehr kurz­weilig.

Azuro, nicht Az­zurro.

Der junge Schrif­ten­de­si­gner Georg Sei­fert (schrift­ge­stal­tung.de) er­läu­terte an­schlie­ßend den Ent­wick­lungs­pro­zess seiner bild­schirm­op­ti­mierten „Azuro“. Für ihn sind kleine „Feh­ler“ und Stö­rungen das Salz in der Suppe. Aus­serdem ver­deut­lichte er noch einmal die Dua­lität Le­gi­bi­lity – Rea­da­bi­lity.

Jeder gegen jeden.

Adam Twar­doch redet gut und gerne (hier gegen Ah­rens und Sei­fert), daher ge­riet die nach­fol­gende Po­di­ums­dis­kus­sion eher zu Po­di­ums­mo­nolog. Aus dem Pu­blikum kamen ei­nige in­ter­essante Fragen und An­re­gungen. Zur „Aus­dru­cken“-Frage äu­ßerte sich der Zwi­schen­rufer Jürgen Sie­bert: „WOFF fonts never print.“

Ab­ge­rundet.

Vor­träge über alte Schriften, App Fonts, Re­spon­sive Lay­outs und den Dau­er­brenner Hin­ting run­deten die Ver­an­stal­tung ab. Torben Wil­helmsen ar­gu­men­tierte für au­to­ma­ti­siertes re­spon­sives De­sign. Bei Mul­tis­creen-Ex­pe­ri­ence-De­sign lautet die De­vise „Mo­bile first“. Dass In­halte nur an einer ein­zigen Stelle exis­tieren („Unique info only exists once.“), die gleich­zeitig die ver­schienen Aus­ga­be­platt­formen (Desktop-Web­site, Mo­bile, iOS-App und An­droid-App) speist, war al­ler­dings schon vorher klar.